Mortaler Ausgang
Geschichten vom Essen, Trinken und anderen schönen Dingen
     

 

 ... Und sie braucht wirklich kaum mehr als fünf Minuten, um tatsächlich weg zu sein, bekleidet mit einem leichten Sommerkleid und flachen Schuhen, für lange Wege zu Fuß und dem Stadtrucksack auf dem Rücken und den Pekinger Stadtplan in der Hand. Denn eigentlich waren es nicht die Kopfschmerzen gewesen, wegen derer sie nicht mit zum Sommerpalast hatte fahren wollen, sondern das sich schon über Tage anstauende Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein. Ja, es war zwar einzusehen, dass die Zeit genutzt werden musste, und dass es besser war sachkundig zu den sehenswertesten Sehenswürdigkeiten geführt zu werden. Aber mehr und mehr hatte sie dabei den Eindruck, dass es kaum noch ihre eigenen Augen sind, mit denen sie dabei sieht, sondern die Augen der Anderen. Denn immer fand sich jemand, der die Hand ausstreckte und auf etwas hinwies, was er entdeckt hatte, und immer war das mit einem Aufschrei der Begeisterung oder mit einer anderen Art von Kommentar verbunden, der die Wertung vorgab, mit der man dann sah. Weshalb sie am Abend oftmals den Eindruck hatte, sie habe alles und zugleich aber auch gar nichts gesehen.

Neugier also auf ihr eigenes Entdecken und Sehen, als sie in den Fahrstuhl steigt und zweiundzwanzig Stockwerke abwärts fährt, und Lust auf das Abenteuer, sie selbst in einer fernen fremden Stadt, ohne Kenntnis der Sprache und mit dem Wissen, dass sie, wenn sie verloren ginge, wirklich verloren sei. Und genießt noch das leichte Gruseln, das diese Vorstellung bei ihr auslöst, als sie aus dem Hotel tritt und die inzwischen lückenlos befahrene sechsspurige Straße vor sich hat. Wobei sie der Gedanke beruhigt, sich beim Anziehen, trotz der zu erwartenden höheren Tagestemperaturen, statt für einen ihrer sehr knapp bemessenen Stringtangas für einen geradezu konservativ wirkenden, mit einem breiten Gummiband versehenen schwarzen Hüftslip entschieden zu haben ein. Er gibt ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Doch schon als sie die Stufen der wenige Meter vom Hoteleingang gelegenen Unterführung hinab gestiegen ist, dort von einem Strom schiebender und drängender Menschen vorwärts gestoßen wurde und auf der anderen Seite vor dem Metroeingang ausgespuckt wird, kommen ihr doch wieder in Zweifel, ob sie diesen Ausflug wirklich wagen sollte. Das Herz klopft ihr unterm Hals. Und sie kommt sich bereits verloren vor, als sie dann vor den fünf schier endlosen Reihen abgestellter Fahrräder steht und wie Hilfe suchend zum Hotel auf der anderen Straßenseite zurück blickt. Denn die Vorstellung, sich wieder in den Strom der durch die Unterführung hetzenden, ihr so fremden Menschen stürzen zu müssen, falls sie sich entschließen sollte, zurück zu gehen, schreckt sie ebenso, wie die Vorstellung, noch einmal treppab zu steigen, zur Metro hinab und sich dann in einen der Wagen drängen zu lassen. Weshalb sie erst einmal stehen bleibt und Stockwerke zu zählen beginnt, um einen Punkt zu finden, an den sie sich halten könnte. Bis hoch über ihrem Kopf eine dunkle, an das verhaltene Brummen eines Bären erinnernde Männerstimme sagt: „Da hat mein Spiegel also wirklich nicht gelogen.“ Und ihr zugleich mit einem Gefühl von Erleichterung ein Gedanke durch den Kopf schießt, der ihr das Blut vom Nacken her über die Kopfhaut zu den Wangen treibt: „Mein Gott, was muss das für ein Gebrüll sein!“

Und so steht sie, ohne zu wissen, was sie tun soll und lässt ihren Blick zwischen den abgestellten Rädern, den dahin rasenden Autos und der Fassade des dahinter aufragenden Hotels hin und her wandern. Bis sie schließlich doch sagt: „Haben Sie mir aufgelauert?“

Worauf die immer noch über ihr zu schweben scheinende, nun aber etwas nach rechts gewanderte Stimme antwortet: „Da war kein Auflauern nötig. – Wenn eine Frau mit diesen unvergleichlich leuchtenden Haaren hier vor dem Metroeingang steht und die Balkons des Hotels da drüben zählt, braucht es nicht viel Fantasie um zu wissen, dass nur Sie das sein können. – Die Blüten der Kapuzinerkresse im Garten meiner Großmutter leuchteten immer so. Und wenn es Kartoffelsalat mit Würstchen gab und sie jeden Teller mit solch einer Blüte dekorierte, habe ich sie mir immer bis zum Schluss aufgehoben. Dann aber mit einem einzigen Haps. Anknabbern mochte ich sie nicht. Ich dachte, das könnte ihr wehtun. – Komisch, nicht wahr? Sind die übrigens echt, oder haben Sie sie gefärbt? – Ich hoffe, sie sind echt.“

Was sie wieder schweigen und auf die unmittelbar vor ihr stehenden fünfzig oder hundert Fahrräder blicken lässt. Ehe sie dann doch den Kopf um eine Winzigkeit nach rechts wendet, bis ihr Blick einen Hemdknopf erfasst, der in Höhe ihrer Augen gelegen ist, und sie noch einmal: „Mein Gott!“ denkt, sich das Weitere aber verbietet und sich stattdessen zwingt, wieder zu den Fahrrädern zu schauen. – „Natürlich sind sie echt.“

Mehr aber ist sie nicht bereit, von sich zu geben. Denn sie hat noch immer mit diesem Mein-Gott-Gedanken zu tun und mit der Farbe, mit der er ihr Gesicht überzogen hat. Und so wartet sie, dass diese sich etwas abschwächen möge und dass der Mann vielleicht davon ginge.

Der aber sagt: „Man hat übrigens einen fantastischen Blick über die Stadt, vom 23. Stock aus“, und ist offenbar einen halben Schritt nach rechts getreten. Denn sie hat den Hemdknopf sofort im Blick, als sie: „Na, vom 22. aber genauso“, antwortet und einen Knopf weiter aufwärts schaut und noch einen, dann aber ihren Blick sofort wieder zurückzieht. Denn groß und breit hat sie erwartet, nicht aber so jung, viel zu jung, wie sie meint, als dass sie sich dazu hinreißen lassen dürfte, die Huldigungen ihrer Haarfarbe, nicht nur als Huldigungen ihrer Haarfarbe anzusehen. Fünf, wenn nicht gar zehn Jahre ist er jünger als sie, schätzt sie. Und wenn sich vor ihrem inneren Auge damit auch sofort eine verlockende Vorstellung aufbaut, die Vorstellung, was wohl die im Durchschnitt noch kleiner als sie geratenen chinesischen Frauen denken mögen, wenn sie mit diesem Mann hier durch die Straßen liefe, sieht sie doch sofort auch eine ganze Reihe von Warnlichtern aufblinken.

Was, wenn er sie nur foppen will? Was, wenn sie sich auf die Verlockung einlässt, die mit dem Gedanken verbunden ist, er foppt sie nicht? Wo soll das hinführen? Wird sie sich halten können, oder wird sie sich verlieren? Was, wenn sie sich verlöre? Könnte sie vor ihrem Mann verbergen, dass sie sich verloren habe? Wie würde er das aufnehmen? Und letztlich: Ist sie denn nicht überhaupt zu alt?  ...

 

     
     
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